Cristall Floods
Wassermusiken von Renaissance bis Frühbarock

Looke how the Limbeck gentlie downe distil’s,
In pearlie drops, his heartes deare quitescence:
So I, poor Eie, while coldest sorrow fills,
My brest by flames, enforce this moisture thence
In Christall floods, that thus their limits breake,
Drowning the hearte, before the tongue can speake.
Great Ladie, Teares have moov’d the savage fierce,
And wrested Pittie, from a Tyrants ire:
And drops in time, do hardest Marble peirce,
But ah I feare me, I too high aspire,
Then with those beames, so bright had never shin’d
Or that thou hadst, beene from thy cradle blind.
Bild und Text Aus „Minerva Britanna“ (1612) – Henry Peacham (1578-1644)
Kristallflut der Tränen, destillierte Quintessenz des Herzens, von der Flamme verzehrt.
Der Aggregatzustand unserer Trauer, der menschlichen Trauer ist seit jeher das versalzene, dicke Wasser, dass uns aus den Augen strömt. Unsere Tränen können dickflüssig-heiß, zurückhaltend-flach oder aufrichtig und klar wie ein Gebirgsbach sein. In jeder erdenklichen Form sind sie ein Ventil unseres Schmerzes (des direkt brennenden oder aber auch desjenigen nostalgischen Wehs, das die Freudentränen-Freude von einer bloß lächelnden Freude abhebt), das sich meist gegen unseren gefassten Widerstand öffnet und dem Darunterliegenden, das nicht mit Worten nach außen dringen kann, den Weg an die Außenwelt frei macht. Das verbindet die Träne auf direkte Weise mit der musikalischen Geste, die in gleicher Weise Unsagbares ausdrückt und in durchdringenderer Weise mit unserem Innenleben verbunden ist, als das Wort es vermag. In der Barockmusik wurde die Geste des Seufzers bis zum Erschöpfen ausgekostet. Ob in Frankreich, Italien, England oder Deutschland, überall wird nicht nur von den Tränen (les larmes, le lacrime, the tears, die Thränen) gesungen, es werden die Tränen selbst zur Musik. In unzähligen poetischen Bildern werden sie zu reißenden Bächen, brennenden Pfeilen, kristallenen Tropfen oder gar zu Eiszapfen und spiegeln so den gewaltigen Reichtum unserer schmerzlichen oder auch schmerzlich-schönen Gefühle.
Due sopra il Basso widmen sich in ihrem aktuellen Programm „Christall Floods“ ganz diesem Phänomen und betrachten die verschiedenartigsten Nuancen vom Weinen der Trauer in der frühen Barockmusik.
Auf dem Programm stehen Französiche, Italienische, Englische und Stücke von Étienne Moulinié, Marc-Antoine Charpentier, Bartolomeo Tromboncino, Giovanni Girolamo Kapsperger, Andreas Hammerschmidt, John Dowland, Henry Purcell und anderen.
Hieraus bildet sich ein wasserreiches Kaleidoskop, das die Lamenti, das Weinen zwar ins Zentrum stellt, sich aber keineswegs darauf beschränkt. Angefangen von poetischen Naturbeschreibungen frischer arkadischer Quellen und blumenüberwachsener Brunnen über die kalte Unendlichkeit des Meeres, die den Seefahrenden Freud und noch viel mehr Leid bereiten bis hin zu dem von Bacchus vergifteten Wasser, das nicht allein die Seefahrenden nutzen, um ihren Kummer darin zu ersäufen.
Das blaue Element ist der Webstoff des musikalischen Abends, den wir in arkadischen Gefilden beginnen und der uns tränenverlierend über die Flüsse ins Meer führt, damit wir ihn schließlich in der Taverne besiegeln können.
Johannes Wieners – Countertenor
Jonathan Boudevin – Bariton
Max Hattwich – Renaissancelaute & Theorbe
